Als es darum geht, etwas Ungewöhnliches zu tun, entschloss sich ein Schweizer Student, das Rad neu zu erfinden. Oder besser gesagt: den Rollstuhl.

Anfang 2013, als Bernhard "Beni" Winter sich ein Schwerpunkt-Projekt im Rahmen seines Bachlor-Studiums ausdenken musste, bei dem es um die Anwendung seines bislang erworbenen theoretischen Wissens ging, beschloss er, einen Roboter zu entwickeln, der Treppen steigen kann. Das Resultat erwies sich dann allerdings als weit aus mehr als ein normaler Roboter.  
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Winter stellte ein Team zusammen aus sieben Maschinenbau-Ingenieuren und einem Elektrischen Ingenieur und gemeinsam ersannen sie das Projekt Scalevo. Es sollte nicht nur ein Roboter sein, der Treppen steigen kann, sondern etwas Praktischeres, mit richtigem Nutzen. Der treppensteigende Rollstuhl war geboren. Wie das Team auf der Scalevo-Webseite berichtet, legte es im Sommer 2014 richtig mit seinem Projekt los.

Zunächst beschlossen die Studenten, mit einem Gummiketten im Antrieb zu arbeiten, ähnlich wie bei einem Panzer. Zusätzlich entwarfen sie eine Hydraulik, die dafür sorgt, dass der Rollstuhlfahrer während des Treppensteigens in seinem Sitz waagerecht bleibt. Die Studenten nutzten die weiten Treppen vor dem Hauptgebäude der ETH in Zürich, um das Ergebnis ihrer Arbeit zu präsentieren. 

Das Video unter dem Text, das am 27. Mai 2015 auf dem Scalevo-Youtube-Kanal veröffentlich wurde, zeigt die Maschine in Aktion. Nur mit dem Pressen eines Knopfes werden die Gummiketten von unter dem Rollstuhl ausgefahren und transformieren ihn so in ein treppensteigendes Fahrzeug. 

Der "Americans with Disabilities Act" (ADA) sieht vor, dass alle neuen Gebäude in den USA barrierefrei sein müssen, doch bei älteren Gebäuden (und in weiten Teilen der Welt) ist dies nicht immer der Fall. Der Scalevo räumt solche Infrastrukturmängel per Knopfdruck aus. 

Nachdem es bewiesen hat, dass sein Konzept funktioniert, konzentriert sich das inzwischen zehnköpfige Scalevo-Team darauf, die Treppensteigegeschwindigkeit des Fahrzeugs zu erhöhen. Wie man auf der FAQ-Seite lesen kann, schafft der Rollstuhl inzwischen eine Treppenstufe pro Sekunden, das ist viermal schneller, als er noch in dem Video war. Weil der Film lediglich zeigt, wie der Scalevo-Rollstuhl die Treppen hinaufsteigt, gehört zu den am häufigsten gestellten Fragen jene danach, ob er die Treppen auch wieder herunter kommt. Die Antwort: Ja, er kann.

Wer nun einen Scalevo kaufen möchte, muss sich leider gedulden. Wie es auf der Webseite heisst, muss der Prototyp weiter modifiziert werden, bevor er auf den Markt gebracht werden kann. Dabei geht es vor allem darum, das System "einfacher, stabiler und sicherer zu machen und die Herstellung zu erleichtern".

Während sich das danach anhört, als hätten die Studenten noch eine Weile ihre Hände voll, muss das nicht heissen, dass es ein ähnliches Modell nicht bald zu kaufen gibt. Bionische Gliedmaßen und Skelett-Technologien machen derzeit große Fortschritte. Winter und sein Scalevo-Team haben jedenfalls mit ihrem Rollstuhl das Rad neu erfunden - und jene Innovationskraft bewiesen, die in Zukunft vielen dabei helfen kann, ein erfülltes Leben zu führen.