Beth Hersom war eine erfahrene Erzieherin, als ihr erstes Kind zur Welt kam. Sie dachte, aufgrund ihres Berufs bestens auf ihre Mutterrolle vorbereitet zu sein, doch eine postnatale Depression brachte sie völlig aus dem Konzept. Mittlerweile ist sie Mutter dreier Kinder und hat akzeptiert, dass das Leben ein kontinuierlicher Lernprozess ist und immer wieder Überraschungen bereithält.

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In ihrem Blog „Joyful Catholic Mom“ teilt sie der Öffentlichkeit ihre Gedanken und Erfahrungen hinsichtlich der Erziehung ihrer Töchter mit. Der nachfolgende Eintrag ist ein offener Brief an andere Eltern und handelt davon, wie diese auf ihre Tochter Sarah reagieren. Sarahs Erkrankung lässt sich nicht verbergen, weshalb andere Kinder sie immer wieder anstarren. Aus diesem Grund trifft Beth immer wieder auf Eltern, die ihre Kinder für dieses Verhalten tadeln. Sie möchte, dass das aufhört und ihre Erklärung dafür ist wirklich herzergreifend. Dieser Artikel hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, wie ich mit der Neugier meiner Tochter umgehen kann, die sie empfindet, wenn sie Menschen sieht, die etwas anders aussehen. 

Was meint ihr? Teilt uns eure Reaktion auf Beths Brief in einem Kommentar mit.

Liebe Mütter, liebe Väter,

ich möchte heute ein unangenehmes Thema anschneiden. Mir ist aufgefallen, dass selbst die besten Eltern unter Ihnen einen großen Fehler machen. Und das verstehe ich. Dieser Fehler ist mir bis vor 2 Jahren selbst unterlaufen.

Meine Tochter leidet unter einer seltenen genetischen Erkrankung, dem Apert-Syndrom. Als sie noch ein Baby war, verwuchsen ihre Schädelknochen miteinander. Das bedeutet, dass ihr Gehirn nicht genügend Platz hatte, um zu wachsen, so dass sie operiert wurde, um den Druck von ihrem Gehirn zu nehmen. Ihr Kopf ist größer als der eines normalen Kindes. Sie kam mit verwachsenen Fingern und Zehen zur Welt. In ihrer ersten OP wurden ihr Daumen und ihr Zeigefinger von den restlichen Fingern getrennt. Sie hat einen Luftröhrenschnitt, deshalb kann sie noch nicht sprechen. Aufgrund zahlreicher Komplikationen hat sie bereits einen großen Teil ihres kurzen Lebens im Krankenhaus verbracht. Sie entwickelt gerade Muskeln, die sie braucht, um aufrecht sitzen und laufen zu können. Eines Tages wird sie soweit sein, doch momentan ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Ja, mein wunderschönes Mädchen sticht hervor!

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Beth Hersom

Schon jetzt muss ich meinen kleinen Mädchen beibringen, dass es Menschen gibt, die einfach nur böse sind und dass man das nicht an sich ranlassen darf. Schon jetzt muss ich ihnen sagen, dass es zum christlichen Glauben dazugehört, auch böse Menschen zu lieben. Ich versuche, ihnen zu erklären, dass die meisten Menschen gut sind, und hier kommen Sie ins Spiel.

Wenn ich mit meiner Kleinen nach draußen gehe, ernten wir Reaktionen aller Art, doch die natürlichsten, aufrichtigsten und häufigsten Reaktionen kommen häufig von Kindern. Sie schauen. Einige sind verwirrt oder besorgt. Die mutigsten von ihnen trauen sich, Fragen zu stellen. Fast alle sind voller Neugier.

Es ist unhöflich, andere Menschen anzustarren. Es ist unhöflich, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Dessen sind Sie sich bewusst. Es ist Ihnen peinlich, wenn ihr Kind andere Menschen anstarrt oder mit dem Finger auf sie zeigt. Sie bitten ihr Kind, still zu sein und ziehen es schnell weg. Ich weiß, dass Sie das tun, um meine Gefühle nicht zu verletzen, doch so empfindlich bin ich nun auch wieder nicht und nicht Ihre starrenden Kinder richten Unheil an, sondern Ihre Reaktion! Sie bringen Ihren Kindern bei, Angst vor Dingen zu haben, die sie nicht verstehen. Ich wette, die meisten von Ihnen werden sich nach diesem Brief über dieses Thema unterhalten, denn Sie sind gute Eltern. Ich möchte Sie jedoch bitten, diese Unterhaltung genau jetzt zu führen. Lächeln Sie. Sagen Sie Hallo. Erzählen Sie mir etwas über sich und Ihr Kind. Auch ich werde mich und meine Kinder vorstellen. Ihr Kind wird Fragen stellen. Wahrscheinlich wird es genau dieselben Fragen stellen, die Sie fragen möchten, was Sie aber nicht tun, weil Sie mich nicht auf die Unterschiede aufmerksam machen möchten, obwohl diese offensichtlich sind.

Der springende Punkt ist: Kinder teilen ihre Welt in Kategorien ein. Sie sind auf Ihre Hilfe und wahrscheinlich auch auf Ihren Verstand angewiesen, damit sie Sarah in die richtige Kategorie einteilen. Sie stellen Fragen, um zu verstehen, wie die Dinge in ihre Welt hineinpassen. Wenn Ihr ihnen nicht erlaubt, „unhöfliche“ Fragen zu stellen, bestätigt ihr sie in den Glauben, dass meine Tochter „anders“ ist. Ob ihr es nun glaubt oder nicht, jedes Kind, dem bisher erlaubt wurde, seine „unhöflichen“ Fragen loszuwerden, sah meine Tochter in wenigen Minuten so wie ich sie sehe. Sie ist nur ein Kind.

Sie liebt Lutscher. Sie lacht ihren Großvater an. Sie hört ihre Lieblingsmusik. Dieses Jahr kommt sie in die Schule. Ihre Lieblingsfarben ändern sich ständig. Heute war es Grün. Sie hat eine jüngere und eine ältere Schwester. Ihre Lieblingssendung ist „Veggie Tales“. Sie ist Papas Liebling und Mamas Sonnenschein. Mit ihren großen, blauen Augen wickelt sie jeden um den Finger.

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Beth Hersom

Stellen Sie sich einmal vor, was meine Tochter sieht. Ein süßes Gesichtchen, das seine Augen nicht von ihr lassen kann. Einen ausgestreckten Zeigefinger. Und dann sieht sie, wie das Kind von seinen Eltern weggezogen wird, die ganz offensichtlich vermeiden möchten, sie anzusehen. Nun stellen Sie sich einmal vor, dass das immer und immer wieder passiert. Sie ist ein kluges kleines Mädchen und das verletzt sie sehr.

Sie können Einfluss auf das Verhalten Ihres Kindes nehmen. Nehmen Sie Blickkontakt zu Sarah auf und lächeln Sie. Es ist egal, was Sie Ihrem Kind später über das Anderssein erzählen. Mit Ihrer Reaktion senden Sie sowohl meinem Kind als auch Ihrem Kind ein und dieselbe Botschaft: Sie ist „anders“. Sie ist kein Mensch. So bestätigen Sie seine anfängliche Angst. Ich beantworte seine Fragen gern.

Ich möchte hier niemanden beschuldigen. Ich weiß, dass es schwer ist.

Es gibt grausame Menschen auf dieser Welt. Damit kommen wir zurecht. Wir kommen auch mit Menschen zurecht, die meine Kleine anstarren und mit dem Finger auf sie zeigen, obwohl sie es besser wissen sollten. Auch werden wir mit den unschönen Kommentaren fertig, die wir uns immer wieder anhören müssen. Wir ignorieren die grausamen Spitznamen, die man unserer Tochter gibt. Mit all dem kommen wir klar, denn, so erklärte ich es auch meiner älteren Tochter, ganz gleich, wie viele Menschen nicht in der Lage sind, mit ihrer Andersartigkeit umzugehen, ist Sarah doch von Menschen umgeben, die sie lieben. Menschen die sie sehen. Und sie ist wunderbar.

Kinder sind keine Mini-Versionen eines Erwachsenen. Sie sind erstaunliche kleine Menschen. Sie sind neugierig und offen und voller Wunder. Sie haben die Möglichkeit, ihnen beizubringen, in meiner Kleinen ein ganz normales Kind zu sehen, das ein wenig anders aussieht und im Rollstuhl sitzt. Sie können ihnen beibringen, sie als potenzielle Freundin anzusehen. Oder Sie bringen ihnen bei, Angst zu haben. Es ist ihre Wahl. Ich werde nicht über Sie urteilen. Wie ich bereits sagte, auch ich wusste früher nicht, wie ich mich verhalten sollte. Sie müssen sie nicht unbedingt lieben – obwohl Sie das sicher tun würden, wenn Sie ihr eine Chance geben würden – aber bitte seien Sie einer der Menschen, der mehr in ihr sieht als nur ihre Andersartigkeit. Ihre Kinder tun es. Bitte.


***Veröffentlicht mit Genehmigung von Beth Hersom. Weitere Blogeinträge findet ihr auf Joyful Catholic Mom.